2 Riesen-Babys für den Colonius

800 neue Mikro-Apartments: Das Projekt „2 Türme“ sollen in Ehrenfeld für mehr Wohnraum sorgen.

Als Solitär ragt der Colonius, Kölns Fernmeldeturm, aus dem Grüngürtel 266 Meter in die Höhe. Aber ab Ende 2022 soll Kölns höchstes Bauwerk an der Inneren Kanalstraße, der Grenze zwischen der Innenstadt und Ehrenfeld, zwei Riesen-Babys als Nachbarn bekommen. Die neue Adresse lautet dann: Subbelrather Straße 13. Von schräg gegenüber grüßt die Ditib-Moschee. Noch vor wenigen Monaten hieß es, die „2Türme“ sollen grau, glänzend und schlank in den Kölner Himmel hineinragen. Der größere war mit rund 130 Metern ungefähr halb so hoch geplant wie der Colonius inklusive Spitze. Der kleinere sollte es noch auf 60 Meter bringen. Die Pläne sind jedoch weiterentwickelt.

Eine Nummer kleiner. Nicht mehr der Siegerentwurf des Wiener Architekturbüros Delugan Meissl wird verfolgt, sondern der Zweitplatzierte soll zum Zuge kommen, der Hamburger Architekt Carsten Roth. Dessen Entwurf ist vertikal nicht mehr ganz so ambitioniert: 90 Meter (29 Etagen) soll der größere messen. Zum Vergleich: Das benachbarte Herkules-Hochhaus ist mit 102 Metern etwas höher. Der kleinere Turm bleibt bei 60 Metern oder 19 Etagen. Dr. Claus Hilgers, Geschäftsführer des Partners Liqion Capital GmbH: „Wir haben diesen Entwurf gewählt, weil er sich besser mit den Interessen der Anwohner verträgt und weil der Mix aus gewerblichem Anteil und gefördertem Wohnraum besser funktioniert.“

In die Höhe. Hilgers kennt die Skepsis vieler Kölner gegenüber sehr hohen Bauwerken, die nicht der Dom sind. Dennoch ist er überzeugt: Der Wohnungsnot könne nur Herr werden, wer in die Höhe baut. „Viele wollen nun einmal gerne im Zentrum wohnen. Und Dreifamilienhäuser können darauf keine Antwort sein.“ Geplant sind 800 Einheiten: Der kleinere Turm beherbergt rund 300 Serviced Apartments, ein aktuelles Produkt der „i Live“. Im größeren Turm sollen an die 500 Mikro-Apartments entstehen, davon 160 gefördert. Diese sollen zu einem Preis vermietet werden, den sich auch Menschen mit eher geringem Einkommen leisten können.

Flexibles Wohnen. „Mikro“ sind an dem Projekt aber nur die Wohnungen selbst. Denn insgesamt soll viel Geld in die Hand genommen werden – 120 Millionen Euro. „i Live“ mit Sitz in Aalen hat sich auf diese Wohnform spezialisiert. Bei den aktuell rund 2.200 betriebenen Wohneinheiten, die das schwäbische Unternehmen in Deutschland bereits gebaut hat, liegt die Durchschnittsgröße bei nur etwa 21 Quadratmetern. Die Zielgruppe dieser Kleinwohnungen: Wochenend-Pendler, Studierende, Singles und Berufseinsteiger sowie alle anderen, die nur vorübergehend Wohnraum im innerstädtischen Umfeld brauchen.

Zum Zug kommt der Zweitplatzierte im Architekten-Wettbewerb.

Hühner, Bienen, Bier. Liqion ist Co Investor, i Live liefert Konzept und Know-how. „Wir freuen uns, gemeinsam mit der Stadt Köln und der Lokalpolitik einen bedeutenden Beitrag zur Entspannung des Wohnungsmarktes in Köln an so einer prägnanten Stelle realisieren zu können“, sagt Liqion- Geschäftsführer Hilgers. Das Kölner Unternehmen hat sich in einem Joint Venture mit der i-Live-Gruppe zusammengetan. Neben den Apartments in den Wohntürmen gibt es auch Gemeinschaftsräume, zum Beispiel eine Eventküche und die Skybar auf dem Dach in luftiger Höhe. Ob auch ein Hühnerstall dazugehören wird, wie bereits in mehreren anderen i Live-Häusern, ist nach wie vor offen. „Wir planen weitere nachhaltige Nutzungen wie Bienen oder eine hausinterne Craft-Brauerei“, verrät Martin Kraft von i Live. Ein Büroraum mit Co-Working-Space soll Bewohnern kostenlos zur Verfügung stehen, ebenso ein Fitness-Studio.

Das i Live-Konzept. I Live liefert mit jeder neuen vollausgestatteten Wohnung auch gleich ein ganzes Wohnkonzept mit. Dazu gehört auch eine Wohn-App. Über sie kann man nicht nur Schäden melden, sondern auch zusätzliche Dienstleistungen in Auftrag geben wie Apartment-Reinigung, Eier- oder Honig-Reservierung sowie Car-Sharing. Gemeinschaftsräume wie die Küche können die Bewohner mit der App buchen. Damit beim Single-Leben im Mini-Apartment keine Einsamkeit aufkommt, gibt es in der App auch eine Pinnwand und eine Chat-Funktion. Und wie die Sozialen Medien, so verfügen auch die beiden Häuser über einen Community Manager. „Der leistet weitaus mehr als ein normaler Hausmeister“, erklärt Kraft. „Er kümmert sich neben dem Facility Management um die Bewohner und ihre Bedürfnisse. Er ist täglich ansprechbar, nimmt Bestellungen der Mieter oder auch deren Pakete entgegen und organisiert Community-Events.“

Treffpunkt fürs Veedel. Die beiden Wohntürme sollen kein geschlossenes System sein, betonen die beiden Entwickler. Kraft: „Sie sind offen für das umliegende Quartier Ehrenfeld. Die Gastronomie wird ein Gemeinschaftserlebnis ermöglichen.“ Gemeint sind damit beispielsweise Fußballübertragungen auf Großleinwand. Dafür sei das Sockelgeschoss mit seiner eingelassenen Treppe ideal.

Stimmen der Bürger. Das Grundstück an der künftigen Subbelrather Straße 13 gehört schon den Projektpartnern. „Darauf befindet sich derzeit ein älteres Bürogebäude“, so Hilgers. „Es muss dem Neubau weichen.“ Doch erst einmal müssen sich die Planungen bewähren. „Wir würden lieber heute als morgen anfangen zu bauen. Ob etwas daraus wird, liegt nun in den Händen der Stadt.“ Und denen der Bürger. Deren Anregungen und Bedenken sind im nächsten Schritt zu hören, wenn die Öffentlichkeitsbeteiligung beginnt. Die Anwohner werden zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, wo das Projekt vorgestellt wird. Sie können dort ihre Sicht der Dinge zu Protokoll geben. Wenn die Kölner sich mit dem Projekt rasch anfreunden, könnten Ende 2022 die neuen Türme im Schatten des Colonius stehen.

Mikro-Apartments. Die Mikro-Apartments sind ein Trend, der in anderen Großsstädten schon länger bekannt ist und viele Investoren auf den Plan ruft. Doch was ist darunter zu verstehen – handelt es sich dabei nicht einfach nur um besonders kleine Wohnungen? Klein sind sie in der Tat: Mikro-Apartments gibt es schon mit 15 Quadratmetern Wohnfläche, und die größten haben auch nicht mehr als 40. Auch wenn es eine allgemeingültige Definition nicht gibt: Was sich so nennt, sollte möglichst auf engstem Raum alles bereitstellen, was der „moderne Arbeitsnomade“ so zum Leben braucht, und auf schnelle Wechsel eingestellt sein. Denn Wochenend-Pendler, Berufsanfänger, Studenten und Arbeitnehmer, die nur auf Zeit in der Stadt sind, haben im Zweifel weder Zeit noch Lust, Möbel zu schleppen oder sich um Internetprovider, Stromanbieter oder gar Renovierungsarbeiten zu kümmern. Der Weg zur Uni oder zum Büro sollte möglichst kurz und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen sein. Zum Konzept gehören oft Services wie Reinigungsdienst und Concierge.

Serviced Apartments. Der Übergang zu Serviced Apartments ist fließend. Hier gehören noch mehr Dienstleistungen zum Konzept, die man sonst eher in Hotels findet: ein Wäscheservice, die tägliche Reinigung des Apartments oder Frühstück. Die Serviced Apartments von i Live sollen nur Firmen zugänglich sein, die ihre Leute von wenigen Tagen bis zu einem halben Jahr einquartieren können.

Ingrid Bäumer

~ erschienen am 26./27.05.2018 im Kölner Stadt-Anzeiger ~

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